Angehörige fragen sich: „was sollen wir tun?“

Wie sollen wir den Pflegefall versorgen (lassen) – Daheim oder im Alten- bzw. Pflegeheim, kann ihm das Spital (noch) nützen oder helfen?

Diese Frage stellt sich, weil Dinge nicht präzise beschrieben werden. Dabei ist es nicht Unvermögen zu differenzieren, sondern unterschiedliche Begriffe und Fakten werden oft vermengt.

Abgesehen von der fast immer bestehenden Komplexität der Ursachen, sieht sich der Laie auf einer Gratwanderung zwischen dem Wunschgedanken der Heilbarkeit und der verheißungsvollen Vorahnung was dem dementen oder pflegebedürftigen Alten – und damit auch der Familie – noch bevorsteht. Es gelingt Angehörigen ja meist nicht einmal die Realität einzuschätzen oder zu Kenntnis zu nehmen. Und noch viel weniger ist es dem Laien möglich zukünftige Entwicklungen abzusehen.

Hier ein Beispiel für unterschiedliche Begriffe: Beim geistig veränderten Patient ist für Laien die Grenze zwischen „Beaufsichtigung“ und „Betreuung“ meist nicht erkennbar. Angehörige sagen oft, dass der Patient „nur“ Zuwendung oder Zuneigung braucht, oder dass man sich mit dem Patienten beschäftigen müsste. Wenn aber die Notwendigkeit der Beaufsichtigung besteht, wird sich diese nicht ersetzen lassen. Manche Angehörige wissen selbst (oft sogar aus bisheriger eigener Erfahrung), dass es in Wirklichkeit um die mühsame, zermürbende und nervenaufreibende Aufgabe geht, den geistig veränderten Patient vor Selbstgefährdung und oder vor Fremdgefährdung zu schützen (er lässt z. B. das Gas offen, verlässt das Haus und findet nicht mehr zurück, wichtige Dinge werden verlegt oder weggeworfen, er geht unadäquat gekleidet auf die Straße … usw. usf.). Hier ist ständige Beaufsichtigung notwendig, die ein ganz anderes Ausmaß an Personaleinsatz verlangt, als nur Betreuung.

Nicht selten kommen Angehörige zum Geriater, beschreiben eine Situation und wollen dann im Rahmen von Diskussionen noch Recht behalten was ihre eigene (vielleicht ergoogelte) „Diagnose“ anlangt. Es führt aber nicht weiter, wenn sie dem Arzt erklären: das ist keine paranoide Färbung; oder ist das ein Alzheimer; vielleicht auch: dieses Medikament hat er schon einmal bekommen, und es hat nicht geholfen; oder: er war so gut eingestellt, bevor …. Medizinische Diskussionen zwischen Laien und Fachmann bleiben meist fruchtlos. Der mündige Patient oder Angehörige erhält das Attribut „mündig“, weil man ihnen zumuten und von ihnen verlangen darf, ihren Anteil am medizinischen Geschehen zu leisten.

Um den Zustand eines Betroffenen richtig zu beurteilen, sollte man sich schon beim Formulieren der sich darstellenden Problematik(en) Gedanken machen, und man sollte „das Kind beim Namen nennen“. Eine vordringlich zu beantwortende Frage lautet: Ist der ältere Mensch noch SELBSTSTÄNDIG, sodass er alleine in seiner Wohnung oder im Appartement eines Seniorenheimes wohnen kann, oder ist er UNSELBSTSTÄNDIG und muss vielleicht rund um die Uhr mit 24-h-Betreuung zuhause, in einer B-Station oder in einem Pflegeheim versorgt werden?

Hierauf eine Antwort zu finden ist gar nicht so schwer: Als selbstständiger geriatrischer Patient ist einzustufen, wer ohne fremde Hilfe die Bedürfnisse seines täglichen Lebens erfüllen kann. Der selbst­ständige geriatrische Patient muss aber den Haushalt (Einkaufen, Kochen und Geschirrwaschen, Wohnungsreinigung, Heizung und Wäschepflege) nicht selbstständig besorgen können, denn die hierfür notwendigen Hilfen sind zeitlich planbar und können deshalb zB auch zugekauft werden. Es kann zwar vorkommen, dass ein alter, selbständiger Mensch auch gelegentlicher Hilfestellung bedarf – zum Beispiel weil er kurzzeitig (über eine absehbare Zeitspanne hinweg) akut erkrankt ist. Ebenso ist es möglich, dass jemand zu bestimmten Zeiten Hilfe braucht – wenn er zum Beispiel nicht alleine vom Bett in den Rollstuhl kann, sich in der Wohnung mittels Rollstuhl aber überall hinbewegen kann. In beiden Fällen ist die benötigte Hilfe kalkulierbar.

Lässt sich im voraus aber nicht bestimmen wann (z. B. jeweils bei Verrichtung der Notdurft, oder beim Zurückholen eines Dementen der ziellos die Wohnung verlässt) und in welchem Ausmaß Hilfe benötigt wird, dann sind Aussagen wie, dass <jemand „ein bisschen“ Betreuung braucht> oder <„leicht pflegebedürftig“ sei>, nicht zulässig. Derart „verniedlichende“ Aussagen machen Angehörige meist nicht, weil sie die Situation verkennen, sondern um der in Wirklichkeit tragischen Dimension der Hilfsbe­dürftigkeit nicht ins Auge zu blicken. Auch Unselbständige selbst (geriatrische Patienten, die in Wahrheit rund um die Uhr zu versorgen sind), benützen Umschreibungen, aber mit anderer Absicht: sie wollen sich und/oder den Angehörigen ihre bereits vorhandenen Defizite nicht eingestehen.

Mit beschönenden Einstufungen (um der teueren Pflegeeinrichtung zu entgehen) ist aber niemandem geholfen. Erstens leidet der Betroffene, weil er zuhause oder im Appartement einer Senioreneinrichtung nicht das bekommen kann, was er eigentlich bräuchte. Zum zweiten führt das meist sehr rasch zur Unzufriedenheit der Angehörigen, weil der Betroffene offensichtlich unterversorgt ist, oder weil alle Hilfestellungen (z. B. Medikamenteneinnahme, Augeneintropfen etc.) als Sonderleistungen bezahlt werden müssen. Und zu guter letzt ist dies auch für Heimhilfeorganisationen und deren Personal oder für den Betreiber von Appartements unbefriedigend, weil selbst finanziell abzugeltende Sondereinsätze die unmöglich gewordene Personalplanung nicht aufwiegen können.

„Betreutes Wohnen“ deckt eine „Zwischensituation“ ab, wo der Senior zwar viel Hilfe, Betreuung, Zuwendung und „Ansprache“ braucht und auch bekommt, nicht aber von diplomiertem Pflegepersonal. Ebenso ist die ärztliche Betreuung in solchen Einrichtungen auf ein Ausmaß reduziert, wie dies für einen körperlich und geistig gesunden alternden Mensch ausreicht, nicht aber für einen geriatrischen Patient.

Weiß man um die Einweisungsdiagnosen Bescheid, unter welchen ältere Menschen ins Spital geschickt werden, und weshalb eben diese Patientengruppe sehr häufig eingewiesen wird und dann noch übergebührlich lange in Akutspitälern verweilt, so stellt sich heraus, dass der Grund meist darin liegt, dass diese Menschen entweder „nur“ Mobilitätshilfe im engeren Sinn brauchen, das heißt, dass sie sich in der Wohnung nicht selbstständig fortbewegen können, oder wegen sozialer Indikation im Spital sind. Auch die Frage, ob das Spital (noch) nützen oder helfen kann beantwortet sich damit schon selbst.

Tipp: Ist man mit sich selbst, mit dem geriatrischen Patient, mit dem Pflegepersonal und mit dem Auftrag an die Institution ehrlich, dann wird es in der für alle Beteiligten nicht einfachen Situation viel weniger Unmut geben.

Bedeutung der Praktiker

Unter Praktiker verstehe ich Ärzte, die außerhalb von Spitälern, ohne großen Untersuchungsaufwand den Großteil der bei ihren Patienten auftretenden Krankheiten diagnostizieren und behandeln. Ihr Wissen und ihre Erfahrung ermöglichen auch beim kleinen Rest der Krankheiten (nämlich bei jenen, die von Spezialisten oder in Spitälern behandelt werden müssen) ein Screening, das rasch zur richtigen Diagnose führt und gleichzeitig ökonomische Aspekte berücksichtigt.

Schon vor mehr als 40 Jahren ging Doz. R. Braun der Frage nach, weshalb Patienten in den USA und Mitteleuropa direkt zum Facharzt gingen, ohne zuvor den Allgemeinarzt aufzusuchen. Er beschrieb das Phänomen bei Erkrankungen von Kindern, bei den so genannten Frauenleiden sowie bei Gesundheits-störungen am Auge[1]. Braun begründete die direkte Konsultation der Fachärzte mit der fehlenden Monopolstellung des Allgemeinmediziners, wie sie damals im britischen Gesundheitsdienst üblich war.

Retrospektiv betrachtet erscheint mir der Grund – weshalb Patienten direkt zum Facharzt gingen – eher darin gelegen, dass Laien die genannten Gesundheits-veränderungen auch schon vor 40 Jahren (ohne Screening des Allgemeinmedi-ziners) den richtigen Fachgebieten zuordnen konnten. Der selbe Grund aber, nämlich dass Laien zu wissen glaubten, Symptome nach ihrer Wichtigkeit beurteilen oder einem medizinischen Fachgebiet zuordnen zu können, schwächte generell die Position der Allgemeinmediziner und damit die Bedeutung des Praktikers.

Im urbanen Bereich gibt es den „guten alten Hausarzt“ kaum mehr, der ohne viel Medizintechnik Diagnosen zu stellen vermag, Krankheiten aus den unter-schiedlichsten Fachgebieten behandelt und bereit ist die Verantwortung für sein medizinisches Handeln wie auch für etwaiges Zuwarten zu tragen. Gleichzeitig informieren alle Medien – von Printmedien bis zum Internet – über Gesundheit oder sie bringen zumindest regelmäßig Gesundheitsthemen. Das macht den Laien glauben, auch er selbst kennt medizinische Zusammenhänge oder Zugehörigkeiten. Unterstützt durch die eCard nimmt das „Selbst­zuweisen“ zu Fachärzten zu und verursacht übergebührliche Kosten für das Gesundheitswesen.

So erklärt sich unter anderem die wachsende Bedeutungslosigkeit der Allgemeinmediziner in den Augen der Laienbevölkerung. Auch durch die Berufsbezeichnung – wo es den Facharzt für Allgemeinmedizin gar nicht gibt – wird der „Arzt zweiter Klasse“ deutlich gemacht. Der aus seinen an sich wichtigen medizinischen Aufgaben verdrängte Allgemeinmediziner wurde dazu verpflich-tet, krankheits- und patientenoptimierte Behand­lungs- und Verschreibweise der Fachärzte in eine kommerzielle, dem Budget der Sozialversicherer angepasste Verschreibweise umzuwandeln. Der Arzt für Allgemeinmedizin darf zwar, wenn er möchte, noch ärztlich tätig sein, bezahlt wird er aber hauptsächlich für die Einhaltung der Ökonomie des Sozialversicherungswesens. (Anm.: Die Diskussion darüber, wie adäquat die Ausbildung der Allgemeinmediziner zur Erfüllung dieser neuen Aufgaben ist, würde den Rahmen dieses Artikels ebenso sprengen wie das Hinterfragen, wie gewichtig hierdurch möglich werdende Einsparungen im Gesundheitswesen sind.)

Tipp: Finanzielle Ressourcen des Gesundheitswesens könnten besser genützt werden, wenn man Voraussetzungen schafft, die es (insbesondere in der Geriatrie) ermöglichen wieder auf Leistungen von Praktiker zurückgreifen zu können.

Mutter-Sohn-Beziehung

Heute möchte ich zwei Beispiele für Mutter-Sohn-Beziehungen bringen. Beide Mütter waren zum Zeitpunkt, als sich die Geschichten zugetragen haben schon weit über 90 Jahre alt und die beiden Söhne waren auch schon jeweils kurz vor ihrer Pensionierung. Beide Söhne standen in der Öffentlichkeit und waren sehr angehsehene Persönlichkeiten.

Der eine wurde in seiner Mittagspause von seinem Chauffeur zur Mutter gefahren. Er betrat das Zimmer der Mutter und sein Selbstvertrauen schwand auf eine Höhe, dass er „aufrecht unter einem Teppich hätte durchgehen können“. Er sagte „Küss die Hand, Mama“, setzte sich meistens auf einen Sessel, war nicht sehr gesprächig und man konnte ihm ansehen und förmlich spüren, wie peinlich ihm die Situation war. Er war kaum imstande mit der Mutter zu sprechen. Einverstanden das waren Generationen, die zu ihren Eltern gelegentlich noch „Sie“ sagten und sie auch manchmal noch in der dritten Person angesprochen haben. Aber trotzdem – er saß wie ein kleiner Schuljunge vor der alten, ehrwürdigen Mutter, die ich – als ihr behandelnder Arzt – eigentlich als sehr freundlich und warmherzig erlebte. Als ich erfahren hatte, dass sie früher gerne gestickt hat, bat ich sie, für mich eine Handarbeit zu machen. Ich habe den bestickten Kleiderhaken heute noch und jedesmal wenn ich ihn (an)sehe, fällt mir die alte Dame ein, die ihn mir mit ihren zarten, durch Arthrosen deformierten Fingern gestickt hat, und mit welchem Funkeln in den Augen sie mir den Kleiderhaken übergeben hat. Ich war damals gut 20 Jahre jünger als der Sohn der Dame. Trotzdem hatte ich das Gefühl, dass dieser Sohn (der fast täglich im Fernsehen zu sehen war) mit größtem Respekt zu mir aufschaute, wie es mir gelang mit seiner Mutter „auf Augenhöhe“ zu kommunizieren.

Die zweite Geschichte: Er war selbst Vater von – wenn ich mich nicht irre – bereits fünf erwachsenen Kindern. Er war immer sehr betroffen, wenn ich ihm mitteilte, dass es der (schwer herzkranken) Mutter vorübergehend nicht sehr gut gehe. Als es der Mutter aber eines Tages nicht nur nicht sehr gut ging, sondern sich ihr Zustand deutlich verschlechterte, bat ich den Sohn (natürlich in Begleitung seiner Gattin) zu mir, um ihn auch auf die Möglichkeit vorzubereiten, dass es sein könnte, dass die über 90 Jährige Mutter das derzeitige Geschehen nicht überleben wird. Das ging ihm derart nahe, dass er einige Tage später – ganz plötzlich und unerwartet – an einem Herzinfarkt verstarb. Die Mutter lebte danach noch ca. 6 Monate.

Wir kennen alle die Situationen da Mütter ihre (meist) erstgeborenen und/oder einzigen Söhne in eine Beziehung verwickeln, die sich nicht unbedingt zum Vorteil der Söhne darstellt. Sie können Probleme mit ihren Kameraden entwickeln, als „Muttersöhnchen“ attributiert werden, Probleme bei der Partnerwahl haben, zwischen Gattin und „Schwiegermutter“ zermalmt werden usw. usf. Nun eine derartige Beziehung zeigt ihre Eigenheiten natürlich auch im Alter. Das wollte ich mit den beiden geschilderten Geschichten zeigen. Es gibt – und ich werde auch darüber schreiben – natürlich auch das Pendant bei Töchtern.

Tipp:     Bei allem Respekt und aller Ehre, die man den Eltern entgegenbringen soll und entgegenbringen muss, darf man aber nicht „vergessen“, sein eigenes Leben zu leben. Man hat sich selbst und seiner eigenen Familie gegenüber eine Verantwortung zu tragen, sodass jede ‚Investition’ (z. B. überlange und zu häufige Besuche, Füttern, überreden/überzeugen von alten Eltern) die nur viel Substanz kostet und in Wahrheit niemandem nützt dafür aber vielen nachhaltig schadet, logisch beleuchtet werden sollte (am besten mit dem Ehepartner, einem guten Freund oder mit dem Geriater diskutieren) und auf deren Notwendigkeit hinterfragt werden soll.

österr. Gesundheitssystem

Eine neue IHS Studie kommt zu folgendem Schluss: „Österreich investiert viel in sein Gesundheitssystem, produziert damit aber beachtlich wenig Outcome“. Anders ausgedrückt: „Östereichs Gesundheitssystem ist überdurchschnittlich teuer, dafür aber unterdurchschnittlich effizient“. WKO-Vizepräsident Hans Jörg Schelling sagte: „Wir sind zwar Wissensweltmeister, aber leider Umsetzungszwerge.“[1]

In meinem Artikel Sozialstaat, Krankenkassen und Geriatrie habe ich hingewiesen, dass es in Österreich ein Missverhältnis zwischen Forschung in der Altenmedizin und angewandter Geriatrie gibt. Das zeigt sich auch an der neuen IHS Studie und deren Erkenntnisse.

Weil für die Errechnung eines „ergebnisorientierten Performance-Indikators“ 5 Indikatoren (OECD Healt Data 2011) herangezogen wurden, u.a. „potenziell verlorene Lebensjahre durch Tod vor dem 70. Lebens­jahr“, bekommen wir folgendes Studienergebnis: Österreicher haben nur Aussicht auf 59,4 gesunde und beschwerdefreie Lebensjahre, während der EU-Durchschnitt bei 60,7 Jahren liegt. Bei einer Lebens­erwartung bei Geburt von mehr als 80 Jahren in Österreich gehen demnach mehr als 20 Jahre an Lebensqualität durch Krankheit verloren und beim „Effizienzorientierten Performance-Indikator“ [Gegenüber-stellung von Input-Variablen (Akutbettendichte, Dichte des ärztlichen und des Pflegepersonals sowie öffentliche Pro-Kopf-Ausgaben für Medikamente und Medizinprodukte) und Output-Variablen (zB Mortalitätsraten von chronischen Krankheiten wie Diab. mell., gesunde Jahre und Lebenserwartung)] erreicht Österreich den 13. Platz von 15 Ländern.[2]

Wir möchten (vielleicht müssen wir) uns an internationalen und europäischen Zahlen und Statistiken messen. Unsere Alten aber brauchen weniger Studien, Zahlen und Statistiken – sondern sie brauchen Pflege, Betreuung und Versorgung, die sie sich zuhause in ihren 4 Wänden oder in angemessenen Institutionen leisten können.



[1] http://www.springermedizin.at/gesundheitspolitik/?full=29880

[2] Institut für Höhere Studien (IHS) hat die Effizienz des heimischen Gesundheitssystems in einer Studie durchleuchtet und international verglichen

Verweigerung der Nahrungsaufnahme

NahrungsverweigerungImmer wieder kommt es vor, dass Pflegefälle oder an Demenz erkrankte Personen die Aufnahme von Flüssigkeit und Nahrung aber auch die Einnahme von Medikamenten ablehnen oder sogar strikt verweigern. Damit bringt der alte Mensch Angehörige, Pflege­personal wie auch Ärzte zur Verzweiflung. Die Umwelt kann das Verhalten des Nahrungs­verweigernden mit Sturheit, Ausüben von moralischen Druck auf Angehörige und vieles andere beschreiben. Aber was möchte der Patient bzw. was möchte uns der Patient mitteilen? Zur Beantwortung dieser wichtigen Frage bedarf es der Abklärung, der Diskussion oder des Diskurses was denn der Grund für die Nahrungsverweigerung ist.

Ursache suchen

Vorab ist festzustellen, ob behebbare, krankhafte Veränderungen im „mechanischen Bereich“ des Schluckaktes vorliegen. Schmerzhafte Schleimhautveränderungen in der Mundhöhle (Aphten,  Infektionen, Schmerzen bedingt durch Restzähne oder Veränderungen im Kieferbereich); Schleimhautveränderungen oder Engstellen in der Speiseröhre; Magenschmerzen nach Nahrungsaufnahme und es ist auch  sicher zu stellen, dass keine Lähmungen (z. B. nach Schlaganfall) vorliegen, die Schluckstörungen verursachen oder den Schluckakt gänzlich unmöglich machen. Verspürt der Patient kein Hunger- und/oder Durstgefühl? Schmeckt ihm das angebotene Essen vielleicht nicht, weil er seinen Geschmackssinn verloren hat? Möchte er gefüttert werden oder will er sogar, dass ihm nur bestimmte Personen das Essen bringen bzw. dass nur gewisse Familienmitglieder ihn füttern, um so Druck auf Angehörige auszuüben? Ist es vielleicht ein exzessiver Ausdruck des Charakterzuges „Sturheit“? Verlangt er mit seinem Verhalten nach generell mehr Aufmerksamkeit und Zuwendung? Oder aber belässt er Bissen im Mund, weil der Demente „vergessen hat, wie man schluckt“ oder weil er gar nicht schlucken möchte (passive Verweigerung)? Vielleicht aber haben wir es mit aktiver Verweigerung der Nahrungsaufnahme zu tun, in Form von Zusammenpressen der Lippen oder durch Zurückspucken der Nahrung. Es gibt also eine Vielzahl von möglichen Ursachen für Verweigern der Nahrungsaufnahme; und gar nicht wenige dieser Ursachen drücken ja recht deutlich den Patientenwillen aus, den er selbst meist nicht mehr artikulieren kann, oft aber auch nur nicht aussprechen möchte. Wenn Verweigern der Nahrungsaufnahme mit Aussagen einhergeht, wie: „mir kann man nicht mehr helfen“, dann sendet der Patient ein unmissverständliches Zeichen, dass er nicht mehr weiterleben möchte oder keine Kraft zum Weiterleben mehr aufbringen kann.

Patientenwille

Jetzt stellt sich die Frage, ob wir (Vertretungsberechtigte, Angehörige, Pflegepersonen und Ärzte) uns über den Patienten­willen hinwegsetzen dürfen, um einfach das zu tun was uns nach unserer Betrachtungsweise und aufgrund unserer Lebenserfahrung vernünftig erscheint. Oder ist es nicht eher unsere Pflicht im Sinne der Patientenautonomie den Patientenwillen zu erkunden und zu respektieren? Den Patientenwillen herauszufinden, das ist für Angehörige in keinem Fall einfach. Nicht wenn der Patient zwar darüber sprechen könnte, aber das Gespräch eröffnet werden muss und dann fachlicher Führung bedarf, aber auch nicht, wenn der Patient nicht mehr imstande ist, seinen Willen zu äußern.

PEG-Sonde

Heute schon fast allmächtige Medizin kann auch mit diesem Problem „leicht fertig werden“. Die Zauberformel heißt hier (vgl. meinen Artikel) PEG-Sonde. Die PEG-Sonde löst zwar rasch,  „einfach“, „kostengünstig“ und „effektiv“ das Problem, welches die Umwelt des Patienten mit dessen Verhalten hat. Aber ob eine Ernährungssonde auch das Problem des Patienten löst, diese Antwort bleibt dabei meist auf der Strecke. Ärzte stellen Angehörigen und Rechtsvertretern einer nicht mehr entscheidungs- und einwilligungsfähigen Person die PEG Sonde oft auch als „ultima Ratio“ hin, und sie „erklären“: nur so wäre der Patient „vor dem Verhungern“ zu bewahren. Das ist natürlich unrichtig. Niemand, auch nicht wenn er an Demenz erkrankt ist, muss im 21. Jahrhundert in Mitteleuropa verhungern. Palliative Begleitung wird dafür sorgen, dass auch Sterbende nicht an Durstgefühl oder Hunger leiden müssen. Ärzte, die das natürliche Sterben nicht zulassen wollen, unterstützen mit solch einem paternalistischen Verhalten meist nur „Pflegeökonomie“ und sie übergehen den Willen des Patienten. Der Patientenwille wird entweder gar nicht erkundet oder schlicht missachtet.

Was bewirkt die PEG-Sonde beim Patient?

Ob orientiert oder desorientiert – jeder Mensch weiß, empfindet oder bemerkt zumindest irgendwann, dass er keine Nahrung mehr schluckt. Wird ihm eine PEG-Sonde gelegt, muss er die Demütigung hinnehmen, auch gegen seinen Willen ernährt zu werden. Er erkennt seine Ohnmacht, sich dagegen nicht mehr wehren zu können. Meist verliert er auch die persönliche Zuwendung durch das Pflegepersonal, weil die „Technik des Fütterns durch die Sonde“ keinen Patientenkontakt mehr erfordert. Dass es bei Ernährung durch die PEG Sonde keine Möglichkeit mehr gibt Geschmack einer Nahrung wahrzunehmen ist ebenso Tatsache, wie dass der Patient keine Konsistenz der Nahrung mehr spüren kann, geschweige denn sehen könnte, wie eine „Speise“ angerichtet ist.

Tipp:

Vertretungsberechtigte müssen derartige Entscheidungen nicht selbst und nicht alleine treffen. Einerseits sollen sie sich später keine Gewissensbisse oder Selbstvorwürfe machen müssen ob ihre Entscheidung richtig war, wenn sie gegen eine PEG-Sonde gefallen ist. Andererseits sollten ihnen die Folgen erklärt werden, wenn sie für die PEG-Sonde entscheiden – nämlich dass der Patienten mit einer PEG-Sonde noch jahrelang am Leben erhalten werden kann. Vorsorgebevollmächtigte können entweder ein Angehörigen-Coaching in Anspruch nehmen, oder man ersucht das Betreuunggericht die Entscheidung zu fällen/zu genehmigen. Das Gericht wird dann ein ärztliches Gutachten einholen. Haben der Patient und die Angehörigen Glück, dann wird ein erfahrener Sachverständiger für Geriatrie/Pflegewesen bestellt. Leider kommt es aber auch vor, dass der Sachverständige nur die „Empfehlung“ des behandelnden Arztes übernimmt.

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Vorsorgen

Wer heute jemand – bei guter Gesundheit – daran denkt, später einmal die Ernährung über eine PEG-Sonde ablehnen zu wollen, dann sollte er das in seine Patientenverfügung aufnehmen. Er kann dazu sein subjektives Gefühl (Ablehnen der PEG-Sonde) mit dem objektiv berechneten Ergebnis bei www.pflegefall-tool.at vergleichen. PFLEGEFALLTOOL ist eine online-Anwendung (seit 2016 online) die jeder – ohne medizinische Vorkenntnisse – verwenden kann. Sie ist derzeit noch kostenlos. Man muss sich nur mit seiner Emailadresse registrieren und im Hauptmenü bei Code einlösen, den Code „FACULTAS“ eingeben, sowie die Abfrage personalisieren, weil der Ausdruck der Abfrage durch eigenhändige Unterschrift zu einer Patientenverfügung gemacht werden kann.